Lachen&Weinen

Mein Herz. Dein Zuhause. Für immer

Ab und an fällt es mir schwer, mich an dich zu erinnern. Dein Gesicht verblasst in meinen Erinnerungen. Es tritt das ein, wovor ich Angst habe. Gegen meinen Willen vergesse ich Details von dir.

 

MaBelle, meine Schöne, heut ist Freitag, der 14. Dezember. Mein Geburtstag. Und der Tag, auf den ich seit Jahren, genauer seit Jahrzehnten, warte. Erinnerst du dich an meine Frage? Wir stehen am Grab von meinem Kleinen. Ein Jahr zuvor, an deinem Geburtstag, ist er stillgeworden. «Was denkst du, ist die Urne mit der Asche noch da? Oder ist beides zersetzt, zu Erde geworden?» Frag ich. Und du? Achselzucken und: «Keine Ahnung. Willst wohl kaum nachschauen.» Deine Antwort.

Deinen Blick, meine Liebe, vergesse ich nie. Läck, bist du schockiert. Als dir klar wird, ich will es wissen. Und erst, als du merkst, es bleibt nicht beim Nachgucken. Selbstverständlich pack ich zwei, drei Handvoll Erde in mein rotoranges Halstuch. Auf dem Heimweg nehme ich dir das Versprechen ab, keinem von all dem zu erzählen.

Heute, 22 Jahre und zwei Monate später ist die perfekte Zeit. Fabien bekommt seinen letzten Platz in Walenstadt. Unserer neuen Heimat. Ich übergebe ihn dem Walensee. Einen besonders schönen Platz fand ich vor langer Zeit. Liebe Christine, waggelst du dem Ufer entlang, gibt es einen grossen, wunderschöner Baum. Voll mit Misteln. Ich liebe Misteln.

Weisst du, unten am See gibt es Bäume, die übersät sind mit Misteln. Da will ich für Fabien Misteln holen. Etwas hoch, dennoch machbar. Um ein Haar wäre mein Vorhaben gescheitert. In meinem Alter und mit einem Arm in der Schlinge kraxelst du nicht mehr locker auf die Bäume. Naja, unten bin ich zügiger als oben.

Ich lauf zurück auf den Weg, der direkt an den See führt. Ich fluche, meine Hosen sind an beiden Knien zerrissen von dem Sturz. Da steht ein älterer Herr vor mir. Guckt mich von oben nach unten und zurück nach oben an und meint: «Sind Sie nicht zu alt, um auf Bäume zu steigen, um Misteln zu pflücken?» «Ich kriech bestimmt nicht auf Bäume, schneide Misteln mit diesem Arm » Oh Gott, wie ich lüge.

Nun steh ich auf den wackeligen Steinen unter dem grossen Baum, dessen Äste übersät mit Misteln sind. Geniesse die zauberschöne Aussicht. Ich bin traurig, weil du nicht da bist, MaBelle. Traurig, allein da stehen zu müssen. Meine selbstgepflückten Misteln kommen zuerst, und im Wasser glitzern die Sonnenstrahlen. Süferli streu ich Fabiens Erde in den See.

Ich guck zu, wie die Wellen Erde und Misteln wegtreiben. Meine Gedanken? «Du warst unser Glück, dann unsere Katastrophe und nun meine schönste Erinnerung.»

 

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