Tratschen

Am Grab meines Kindes starb ein Teil von mir

Mein Kind starb am 14. September 1995. Fabien. 62 Tage nach seiner Geburt. Und dann, Monate, Jahre später passierts. Wenn du denkst, einigermassen auf festem Boden zu stehen, erwischt es dich. Ein Bild, ein Ort, ein Gegenstand …

 

«Ich habe ein Kind verloren.» Kaum gesagt, wird es still, und mein Gegenüber guckt erschrocken. Ma Belle, heute ist es genau gleich wie vor 20 Jahren. Viele meinen, sagen zu müssen: «Ich kann verstehen, wie du dich fühlst. Ich kann mir vorstellen, wie das ist.» Einen «Scheiss» können die. Niemand kann nachfühlen, was in mir abgeht.

Nun sitz ich da. Auf einer grünen, stoffbezogenen Bank in einem Café mit traumhaftem Blick auf das Kloster. Tee & Kaffee vor mir, und ich guck genervt zu Sarah. Die sehr gut weiss, wie es sich anfühlt, ein Kind zu verlieren. Selbstverständlich sind ihre beiden Goofen keine Himmelskinder. Frechheit. Eine Frechheit, denke ich im Stillen.

«Liebe Sarah, glaube mir, das kannst du nicht. Keiner kann sich nur annähernd vorstellen, wie das ist, ein Himmelskind zu haben. An Geburtstagen, Weihnachten, Ostern am Grab seines Kindes zu stehen. Links und rechts neben einem die anderen Kinder, die schwer verstehen können, warum ihr Geschwister da im Boden liegt.» Du willst wissen, wie es ist, wie es sich anfühlt, ein Kind zu verlieren?

Hör zu, ich sag es dir. Zuerst kommt der Schock, und du willst es nicht wahrhaben. Du verlierst viel, unendlich viel, wenn dein Kind stirbt. Dein Lächeln geht verloren. Das Strahlen in deinen Augen erlischt. Du fühlst die Trauer in dir. Was du da (noch) nicht weisst? Diese fühlende Trauer ist erst der Anfang von allem, was noch kommt.

Ein Bild, ein Nuschi, der Eintrag im Familienbüchlein – alles Erinnerungen, die dir schampar wichtig sind. An denen hältst du dich fest. Jahrelang sind sie das wichtigste, das einzige, was von deinem Kind übrig blieb. Du denkst, du und dein Kind hätten eine gemeinsame Zukunft. Zerplatzt ist die Illusion. Von einer Sekunde zur anderen. Zerplatzt wie eine Seifenblase ist die gemeinsame Zukunft.

Dir wird klar, dein Leben wird nie wieder dasselbe sein. Es wird in zwei Teile aufgeteilt. In vorher und nachher. Für den Rest deines Lebens. Deinen Schmerz versteckst du. Du verhältst dich, als ob alles ok wäre. Ab und an denkst du, «ich werde verrückt». Du fühlst dich allein und weisst genau, dass du das nicht bist.

Du triffst andere Mütter. Sie reden über ihre Kinder, wie stolz sie seien. Und du? Du sprichst nur über deine Erdenkinder, das Himmelskind bleibt im Stillen. Schliesslich wollen die anderen Mütter nicht daran erinnert werden, was jeder von uns passieren könnte. Die Erinnerungen an dieses Kind, verbergen sich unter einer Trauerwolke. Was du verloren hast, daran wirst du jeden einzelnen Tag erinnert. «Wie wäre es, wäre dein Kind da?» Dieser Satz nistet sich in deinem Kopf ein.

Mit dem Stillwerden deines Kindes verlierst du deine Fröhlichkeit, deine Zukunft. Ab und zu deine Freude am Leben. Deine Träume für dieses Kind wurden zerstört. Deine Tränen unterdrückst du oft, sie wären unpassend für andere. Vergiss nicht, du kannst diesen Schmerz nicht kennen, du hast es nicht selbst erlebt. Sei dankbar dafür.

Stirbt dein Kind, stirbst du selbst ein Stück.

Weisst du, Ma Belle, was mich nervt? Diese Vergleiche. Ein Kind zu verlieren ist nicht vergleichbar mit der Situation, wenn ein Kind auszieht oder wenn Eltern oder Partner sterben. Es ist ebensowenig vergleichbar mit dem Tod eines Hundes, einer Katze oder eines anderen Haustiers. Versteh mich richtig. All diese Lebensereignisse sind tragisch und traurig, ja lebensverändernd. Aber sie sind nicht vergleichbar. Sicher, sie sind herzzerreissend, und doch gibt es nichts Ähnliches, als wenn du an einem Grab stehst und zusehen musst, wie dein Kind im Sarg in den Boden gesenkt wird. Und mit jeder Schaufel Erde, die drauf fällt, schwindet deine Hoffnung an eine gemeinsame Zukunft.

 

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16. März 2020

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