Tagebuch

Wenn der nahe Tod dem Weihnachtsfest die Freude raubt.

Adventszeit 2017. Andere schreiben Weihnachtskarten. Ich verfasse einen Lebenslauf und plane die Trauerfeier für meine Mutter.

 

Meine Liebe, es ist Adventszeit. Dezember. Maria Himmelfahrt. Geburtstag meines Bruders. Meine Mutter kommt nach Hause. Wochenlang war sie fort. Zuerst im Spital, danach in der Reha auf dem Walenstadtner Berg. Zu zweit tragen sie Madlen in den zweiten Stock hinauf. 68 Stufen. Oje.

Ich besuche meine Eltern und betrete eine Wohnung, wo der Tod lauert. Es ist, als hätte die Adventszeit vor der Haustüre Halt gemacht. Die Stimmung ist alles andere als besinnlich, ruhig und stressfrei. Meinem Vater und meinem Bruder habe ich vor langer Zeit mitgeteilt, wenn Madlen nach Hause komme, werde ich auf keinen Fall bei der Pflege mithelfen.

Ma Belle, du weisst selbst, wir verfügen über ein gut funktionierendes Netzwerk für die Betreuung daheim. Madlen wollte nie von ihren Kindern gepflegt werden und ich will sie nicht pflegen.

Ich telefoniere und besuche meine Eltern. Höckle bei Madlen, schwatze mit ihr und geh dann wieder Heim. Jeden Tag. Naja, fast jeden Tag. Mein Vater und Bruder akzeptieren das, die anderen? Ist mir egal, was die von mir denken und halten. Was solls?

Es ist schwer, mitansehen zu müssen, wie ein lieber Mensch langsam stirbt. Meine Liebe, du kennst das sehr gut. Bei deinem Vater ging es dir genauso. Oft fahre ich heim, mit Tränen in den Augen.

Meine Besuche bei Madlen sind schwierig. Sie kann und will das Sterben nicht akzeptieren. «Es ist nicht recht, dass ich jetzt sterben muss. Zwei, drei Jahre möchte ich noch leben.» «Mami, diesen Weg müssen wir alle gehen. In zwei, drei Jahren wäre es ebensowenig der richtige Zeitpunkt zum Sterben. Das ist er nie. Für dich.»

«Bruchi nöd. Wotti nöd. Machi nöd.» Ihre Worte. Ich bekomme ständig das gleiche zu hören. Es ist zum verrückt werden. Oft weiss ich nicht, wie ich mich beherrschen soll. Weiss sie eigentlich, wie schwer es für mich ist? Diese Situation? Ich will auch nicht, dass sie stirbt, nicht mehr da ist. Ich wünsche mir, Madlen noch ein paar Jahre zu haben. Ich komme schlecht mit diesem Zustand klar, leider interessiert sich keiner dafür. Ich muss für ein paar Minuten aus dem Zimmer, muss mich ablenken.

Ich schreib Martin ein WhatsApp. Ab und an ruf ich ihn an, besonders wenn ich nervlich am Boden bin. Mit ihm kann ich schampar gut über meine Situation sprechen. Er kennt meine Mutter nicht, ist neutral. Passt perfekt. Mein Kerl? Mit ihm geht das nicht immer so gut. Er versteht oft nicht, warum der Rest von meiner Familie so gegen die Hilfe von aussen ist, und ich will nicht hören, was er sagt. Ich steh dann zwischen meinem Vater und meinem Kerl und weiss nicht, was ich machen soll. Wie ich mich verhalten soll. Alle sagen was anderes.

Donnerstag, 14. Dezember. Heut ist mein Geburtstag. Mir geht es schampar schlecht. Ein Jahr älter werden ist nicht das Problem. Nein ich bin traurig, mir ist bewusst: Vor einem Jahr war es das letzte Mal, dass ich von ihr ein «Alles Liebe zum Geburtstag»-Telefon bekam. Tja, heute wirds wohl keins geben. Ich rufe sie an. Welch grosse Enttäuschung. Keiner geht ran. Niemand nimmt den Hörer ab. Später bekomme ich zu hören, dass meine Schwägerin gesagt hat: Ich schau, wer anruft und nehme ab, wenn ich will. Mit anderen Worten: Meine Schwägerin entscheidet, mit wem meine Mutter telefonieren darf und mit wem nicht. Sie selektiert. Boah, ist das eine Frechheit. Immerhin bin ich die Tochter. Und heut ist mein Geburtstag.

Ich schreib meinem Vater ein SMS. Spontan. Spontan sind auch die Sätze. Das interessiert mich in dem Augenblick nicht.

Es klingelt, und mein Vater steht vor der Haustür. «Nein, ich komme nicht rein. Ich gratuliere dir zum Geburtstag.» Sagts und drückt mir einen Brief in die Hand und: «Ich muss sofort wieder Heim, dein Mami ist alleine.» Weg ist er. Es besteht keine Sekunde die Möglichkeit, ihm mein SMS zu erklären. Läck, habe ich einen schönen Geburi. Meine Familie, alle auf der Arbeit. Madlen kann nicht telefonieren, und mein Vater ist im Stress. Er hat niemanden für die Pflege seiner Frau.

Ich denke zurück. An meinen sechzehnten Geburtstag. Fühlte ich mich unfair behandelt, konnte ich gemein werden. Ich muss grinsen. Mein Vater hat in der Firma die Weihnachtsfeier. Ich bin allein daheim. Ich höre «Happy Birthday, sweet sixteen». Solange, bis Madlen nach Hause kommt. Es ist wichtig, dass sie es hört. Schliesslich hat auch sie meinen Geburtstag vergessen. Tja, es hat funktioniert. Das schlechte Gewissen steht ihr ins Gesicht geschrieben. Wie böse von mir.

Später ruft mein Vater an. Er will genau wissen, was es mit dem Telefon auf sich hat. Ich darf nun jederzeit anrufen. Es wird immer abgenommen – bei mir. Muss ich ihm dafür dankbar sein? Überleg ich mir.

Madlen und ich, wir telefonieren. Uff. Läuft nicht so toll. Ich kann nichts richtig machen. Christel, du musst … Christel, du darfst nicht … und überhaupt … Ich denk: Mein Gott bist du ungerecht. Bist du ungerecht geworden. Ich ertappe mich, wie ich alles mit ihrer Krankheit entschuldige. Ist es wirklich so? Macht die Krankheit einen Menschen so unfair? Früher, vor ihrer Krankheit, war das nie so, oder? Ich weiss es nicht. Ist ja egal. Spielt keine Rolle mehr.

Intolerant ist meine Mutter nun. Das gibt mir zu denken.

«Meinsch, ich will sterben?» Auf alle und alles ist sie hässig. Sie hackt auf ihren Enkelkindern rum. Ewigs diese Schimpferei, die zerrt an den Nerven. An meinen Nerven. Puh. Sie will oder kann nicht loslassen. Will nicht akzeptieren, dass es zu Ende geht. Ihr Leben. Gut, ist sicher nicht einfach, weisst du genau, in Kürze sterbe ich. Oft höre ich von ihr: «Ich weiss ich bin der grösste Dubel, dass ich nie zum Doktor ging. Ich könnte jetzt noch gut Leben. Das Rauchen ist nicht schuld.» Wie bitte? Madlen. Klar ist das Rauchen schuld. Einfach so bekommt keiner so viel Krebs.

«Mami, gäll es geht dir nicht gut? Ich komm zu dir. Fahre in zehn Minuten ab.»

Uff. Ich hocke im Auto. Bin auf dem Weg zu meinen Eltern. In ein paar Tagen ist Weihnachten. Meine Lieblingszeit ist der Advent. Normalerweise. Heuer fehlt es mir schwer. Keine Lust auf rein nichts. Unsere Guetslibüchse bleibt leer. Meine sonst voller Liebe geschmückte Stube sieht dieses Jahr leer und kahl aus.

Besuche ich Madlen, erschrecke ich schon lange nicht mehr über ihr Aussehen. Ich nehms gelassen. Ich habe mich an ihr trauriges, fast erbärmliches Aussehen gewöhnt.

Wie gewohnt finde ich sie auf dem Sofa, in Ihrer geliebten Stube. Wunderbar, da kannst du aus dem Fenster gucken und siehst deine gewohnte Umgebung. Ich weiss, wie beruhigend das auf sie wirkt. Ich umarme Madlen, streichle ihr lieb über die Wange und frag sie «Hast du Schmerzen?» Ich höre nicht zu. Ich schaue ihr ins Gesicht und erschrecke. Diese Augen? So schöne blaue, verträumte Augen starren ins Nichts. Ich schau genau hin und denke. Das was ich da sehe, ist nicht Madlen. Ist nicht meine Mutter. Die Natur ist erbarmungslos. Das Alter ist ein böser Scherz, der meine Mutter isoliert. Ihr Körper verfällt, die Kraft und die Schönheit hat sie verloren. Aber trotz allem lebt die Frau, die Mutter noch in ihr. Ich denke: «Tja, nichts ist für die Ewigkeit».

Ma Belle, ich guck Madlen an. Intensiv und genau. Ich seh, vor mir liegt eine gebrechliche, giftige, böse alte Frau. Wir wissen beide, das ist sie nicht. Das ist nicht mehr Madlen, wie sie einst war. Wie jeder alte Mensch, hat sie ein Leben voller Höhen und Tiefen hinter sich. Madlen hat Respekt und Achtung verdient.

Weihnachten steht vor der Tür. Die schlimmsten Feiertage meines Lebens. Am Nachmittag vor Heiligabend sitzen mein Kerl, unsere Kinder und ich in der Stube meiner Eltern. Mir wird warm ums Herz. Meine Mutter strahlt: Sie hat es geschafft. Es ist Weihnachten, und sie lebt. Noch.

«Ich will, dass die Gegenwart nicht endet, doch der Tod wird meine Pläne ändern.» Diese Worte gehen mir durch den Kopf.

In den vergangenen Tagen versuchte ich regelmässig mit meinem Bruder oder Vater über die Zeit nach dem Tod von Madlen zu reden. Was alles organisiert werden muss. Ich denke, einiges könnte problemlos vorbereitet werden. Warum nicht? Wir wissen alle, sie stirbt bald. Warum die Todesanzeige nicht vorbereiten? Gedanken über die Beerdigung machen? Warum nicht jetzt einen schönen, berührenden Lebenslauf aufschreiben? Ich stosse auf taube Ohren. Von meinem Bruder bekomme ich zu hören: «Lass es bleiben. Machen wir, wenn Mami gestorben ist.» Klar, wenn sie tot ist. Klar ist ebenfalls, wer alles macht. Ich. Ich bereite zu Hause alles vor, was ich kann. Erledigt ist erledigt.

Mitternacht. Ein Jahr ist zu Ende ein neues kommt. Eins mit vielen Veränderungen. Ich wünschte mir, dass Madlen, im alten Jahr sterben kann. Ich wünschte mir, das neue nicht damit anzufangen auf den Tod meiner Mutter zu warten. Mein Wunsch wird nicht erfüllt.  Ein schlechtes Gewissen wegen meinen Wünschen habe ich nicht.

Ich stelle mein Handy lautlos. All die guten Wünsche zum Neujahr, verkrafte ich nicht mehr. Was ich nicht wusste, ich werde es sehr lange bereuen.

Ich gucke auf mein Handy. Das darf nicht wahr sein. Mein Vater hat 15 Minuten nach Neujahranfang versucht, mich anzurufen. Und nun ist es Morgen um zwei, und ich erreich ihn nicht.

Am Neujahrsmorgen telefoniere ich meinen Eltern. Mein Vater nimmt ab. «Madlen ist kurz vor Mitternacht aufgewacht. Ich habe alle Fenster aufgemacht und zusammen haben wir dem Klang der Glocken gelauscht. Auf das neue Jahr angestossen, und sie wollte dich unbedingt anrufen. Sie war nicht enttäuscht, dass du nicht ans Telefon gingst. Sie wollte dir eine Freude machen, sie weiss, dass du heute vorbeikommst. Wie immer am Neujahrstag.»

«Hoi Mami, ich wünsche dir ein gutes neues Jahr. Ich hoffe, du musst nicht mehr allzu lang mit den Schmerzen auskommen.» Ich ernte entsetzte Blicke von den Anwesenden. Voller Liebe streiche ich ihr übers Haar und über ihre eingefallene Wange. Sie drückt meine Hand. Es fällt ihr schwer zu reden. Ihr geht es schlecht. Seit Weihnachten liegt sie nur noch hier und guckt ihr geliebtes Tannenbäumchen an. Von Advent bis zum Dreikönigstag strahlt es im Dunklen.

Es geht wohl dem Ende zu. Die Enkelkinder, mein Kerl, mein Vater und ich sitzen alle verstreut im Schlafzimmer. Die Kinder liegen oder sitzen bei ihr auf dem Bett. Das Kaffeekränzchen findet heute ausnahmsweise im Schlafzimmer meiner Eltern statt. Warum auch nicht.

Zu Hause schreibe ich einen Brief für meine Website. Schreibe an die liebeChristine. Im Text geht es um meine Mutter, ihren Tod, um Gefühle. Ich mail den Brief Martin. Mit der Bitte, ihn zu lesen und mir zu sagen, ob ich das veröffentlichen kann oder nicht.

Das Telefon klingelt, ich geh ran. «Ist deine Mutter gestorben?» höre ich Martin fragen. «Nein, noch nicht. Ich schreib etwas vor.» Ich weiss nicht mehr, was er sagt. Er sagte bestimmt, mach das. Ich weiss, wie ich von mir denke: Boah. Christine, du bist ja nicht normal. Du schreibst seelenruhig über deine tote Mutter, die noch am Leben ist.

Nun, Martin riet mir lange vor Madlens Tod, ein Tagebuch zu schreiben und letzte Fotos zu schiessen. Monate später staunte er über mein Werk: «Ich finde es ganz stark, wie du mit dem Leben und dem Sterben deiner Mutter umgegangen bist.» Und noch heute freut er sich über unser gemeinsames Raucherinnen-Bild. Aufgenommen im Herbst 2017.

 

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1. Dezember 2020

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