Tratschen

Den Moment geniessen

«Mami, Gummelenstock macht mich traurig.» Unsere Tochter Nr. 3 stochert im Essen herum und guckt betrübt. Warum denn? «Das wären feine Pommes.» Nun gucken mich drei Augenpaare böse an.

Oje, Ma Belle. Ich blättere nicht im Tagebuch. Nein, ich gucke einzelne, alte Bilder von unseren Goofen an. Gibst du mir recht, sage ich, schwierig an der Erziehung deiner Goofen ist, sich selbst an all die Regeln zu halten?

Als Erstes kommt mir ein Bild von unserer Zweitältesten in die Hände. Boah, bin ich da genervt. Ich will mit den Kindern Madlen besuchen. Mein «Zieht euch hurtig an, wir fahren in 15 Minuten los!» kam bei allen an. Ausser bei unserem Träumerli. Mit pinkfarbenen, getupften Unterhosen steht sie vor ihrem Zimmerfenster. Wie ein Flamingo. Sie versucht, sich eine grüne Socke anzuziehen, singt Räge, Räge Tröpfli. Dabei strahlt sie wie ein Anketrinli. Die Regentropfen klatschen ihr ins Gesicht. Selbstverständlich steht das Fenster sperrangelweit offen, und der Zimmerboden ist geflutet.  

Meine Liebe, erinnerst du dich an den schönen Spätsommertag? Als du unseren Goofen dein altes Mikroskop vorbeibrachtest? Blätter. Nasse Erde. Der volle Staubsaugersack. Alles wird genau untersucht. Der Jüngste muss herhalten, ihm putzen die Mädels die Fingernägel – in der Hoffnung, was Lebendiges unter dem Mikro zusehen. Plötzlich steht unsere Tochter Nr. 3 vor ihrem Papi. Ich guck sie an, und mir wird sofort klar, sie hat wieder eine ihrer genialen Ideen.

Die Taucherbrille sei wichtig, erklärt sie uns, es dürfe nix in die Augen spritzen. Regenmantel – als Schutz für die Kleider. Wollkappe, um die Haare zu bedecken. Latexhandschuhe, so gross, die reichen ihr bis zu den Ellbogen. Und? In der rechten Hand eine Nähnadel. «Paps, ich brauch Blut.»

Der Jüngste darf zuerst. Er guckt durchs Mikroskop. Würmli, Würmli, ich sehe Würmli. Papi hat Würmli im Blut, schreit er. «Han ich au Würmli im Bluet?», fragt er mich entsetzt. Nun gucken die Mädels ins Mikro. Die grossen beide sehen keine Würmli, die Jüngere entdeckt schwarze Würmli. Ma Belle, weisst du noch, wie lange es gedauert hat, bis die Goofen merkten, dass die schwarzen Würmli ihre Wimpern waren?

Soeben eins meiner Lieblingsbilder entdeckt. Jedes der Kinder hält sein eigenes Steckenpferd in den Armen. Keins gleich wie das andere. Ich lismete und bastelte vier verschiedene. Es gibt keinen Streit beim Aussuchen. Jedes bekommt sein Wunschpferd. Unsere Älteste hat das braune. Das Träumerchen das weisse. Tochter Nr. 3 ein schwarzes. Und unser Jüngster ein graues. Alle tragen einen Cowboy-Hut und strahlen mit der Sonne um die Wette. Ausser? Der Büebel. Der guckt grimmig, und wie. Die Mädels haben ihm erklärt, dass sie schöne, stolze Rösser haben. Sein graues hingegen halt ein Esel sei. Boah, was sind die Mädels gemein.

Als Nächstes kommt ein Bild aus dem Klosterdorf zum Vorschein. Familienbild, logisch ohne mich. Ich knipse ja das Bild. Läck mir, meine Schöne, war das ein peinlicher Kirchengang. Familiengottesdienst für die Kommunikanten. Der Weisse Sonntag unseres Jüngsten steht vor der Tür.

Vor der grossen, schweren Klostertür bleibt unser Büebel stehen. «Halt. Du darfst da nicht hinein. Du musst draussen auf uns warten.» sagt er zu seiner grösseren Schwester. Die guckt ihn baff an. «Warum muss sie draussen warten?», frage ich meinen Jüngsten. «Ich will nicht, dass sie verbrennt. Sie glaubt an den Gehörnten mit dem Pferdefuss. Sie fängt an zu brennen, sobald sie einen Fuss über eine Klosterschwelle setzt. Wie im Gschichtli, das du mir erzählt hast, Mami.» Ängstlich guckt mich der Kleine an. «Selber schuld. Du mit deinen gruseligen Hexengeschichten. Guck selber, wie du da wieder rauskommst», flüstert mein Kerl mir ins Ohr. Boah, hat der Nerven. Steht grinsend neben mir. Findet alles wahnsinnig witzig. Ich brauche eine Viertelstunde, um ihn zu überzeugen, dass seine grosse Schwester nicht gleich in Flammen aufgeht, sobald sie die Kirche betritt.

Am Ende des Tages bekommt meine Jüngste ein gruseliges Gschichtli mit bösen Hexen und gefrässige Wölfen erzählt. Eins, wo die guten Märchenhelden gewinnen.

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